Kulturmanager aus Mittel- und Osteuropa

Ksenia Volkova

Ksenia Volkova absolvierte ihr Diplom im Fach Interkulturelle Kommunikation in Russland. Berufserfahrungen als Kulturmanagerin konnte sie bereits in verschiedenen russischen Kultureinrichtungen sammeln (Museum für moderne Kunst, Art-House Kino „Dom Kino“). Desweiteren hat sie an deutschsprachigen Kulturprojekten, wie Theater-, Filmvorführungen und Lesungen, sowie an Bildungsseminaren und Kinoklubs für Jugendliche mitgewirkt. Mit ihrem Projekt „Gogol elektrifiziert“ möchte sie den klassischen russischen Film „Der Mantel“ aus dem Jahr 1926 mit moderner Live-Elektromusik verbinden und soll den Einwohnern der Städte Pforzheim, Regensburg, Oldenburg und Berlin ein differenziertes Bild der Kulturszene Russlands offenbaren.

 

 

 

Was ich mir für Deutschland vorgenommen habe

Mir gefällt das Wort Norden …

Wenn man mich fragen würde, was für mich eigentlich Kultur ist, so würde ich gleich antworten: Kultur ist vor allem Nationalkolorit, Einmaligkeit und Identität. Genau deswegen gefällt mir das Wort "Norden", es klingt so stolz und stark. „Bei uns im Norden“ bedeutet das Knistern des Schnees unter den Schuhsohlen, die nichtlachenden Gesichter der echten Helden und die flauschigen Kapuzen, die so tief ins Gesicht gezogen sind, dass man die Augen nicht mehr sehen kann. Das ist der erste Huflattich auf einer schneefreien  Stelle, das sind die kalten, strömenden Flüsse, das sind Bastkörbe, die voller Beeren sind. Bei uns im Norden wärmen sich die Jäger in der Nacht die Hände am Feuer und lächeln nur einmal im Jahr.

 

Mir gefällt das Wort "Süden", es klingt so wild und blühend. „Bei uns im Süden“ heißt der betäubender Duft des Jasmins, die nicht aufgegessenen Wassermelonenstücke und die bunten Sommerkleider mit den breiten Trägern. Das sind nackte, staubige Füße, das sind Süßkirschbäume mit Zweigen, die der Last der schweren, reifen Früchte ausgesetzt sind. Bei uns im Süden schlafen die Straßenhunde in der Nacht auf dem Feld, um die Flöhe abzuwimmeln und um die Mittagszeit im Schatten der verflochtenen Weinstöcke.

 

Mir gefällt das Wort "Osten", es klingt so irrational und rätselhaft. „Bei uns im Osten“ bedeutet die bunten Zwiebeltürme, die hohen, scharfen Wangenknochen. Das sind schiefe, mit einer nicht mehr erkennbaren Farbe gestrichenen Zäune, graugestreifte Katzen, die eingekringelt am Fensterbrett liegen.  Bei uns im Osten kochen die Großmütterchen  in Kupferschüsseln schwarze Johannisbeermarmelade, von welcher ihre Enkelkinder gerne heimlich naschen.

 

Mir gefällt das Wort "Westen", es klingt  so raffiniert und sachlich. „Bei uns im Westen“ bedeutet Kaffee und Croissants am Morgen, Zeitungsartikel mit schockierenden Schlagzeilen und sich die Schuhe auf dem Weg zu binden. Das sind die sich niemals schlafenlegenden Grossstädte, Auszeichnungen der berühmten Privatschulen und der Duft der Autoreifen der viel zu schnell fahrenden Sportautos. Bei uns im Westen machen Manager in weißen Hemden Business und die Städte sind durch unsichtbare Spinnweben der Kommunikationsnetze durchzogen.

 

Ich hoffe, dass meine Teilnahme am Programm der Robert Bosch Stiftung „Kulturmanager aus Mittel- und Osteuropa“ dazu dienen kann, mal mit der Hilfe der durchgeführten Projekten abhängig von der Situation zu sagen: "Bei uns im Norden", "Bei uns im Süden", "Bei uns im Osten" und "Bei uns im Westen"!

 

Ksenija Volkova
Herkunft:
Russland

Jahrgang:
2008-09