

Publikation "Landvermessungen"
Aus westlicher Perspektive werden Mittel-, Ost- und Südosteuropa immer noch als Einheitsregion, als "Ostblock" wahrgenommen. Umso lohnenswerter, vor dem Hintergrund ihrer theatralen Topografie nicht eine, sondern viele "Landkarten" zu zeichnen, die das Schaffen der jüngeren und mittleren Generation von Theatermachern in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Junge Journalisten und Kritiker werfen einen unverstellten Blick auf ihre jeweilige Theaterszene: auf Persönlichkeiten und Initiatoren, die wesentliche Entwicklungen vorantreiben, auf Strömungen und Tendenzen, die sich abzeichnen, auf politische, soziale, kulturelle und historische Kontexte der Schaffens- und Rezeptionssituationen.
Im ihrem Vorwort weisen die Herausgeberinnen darauf hin, dass das junge Theater in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas als historischer, sozialer, kultureller Erinnerungsort erscheint, an dem das Gedächtnis einer Gesellschaft in seiner ganzen Tiefe ausgelotet wird. Dieses Theater funktioniert als Seismograph, als (Lügen-)Detektor, als Maßstab und Vergrößerungsglas – als Messinstrument der Kultur im ästhetischen und programmatischen ebenso wie im politischen, sozialen und moralischen Sinne. Viele der Theater gleichen wahren Laboratorien, in denen ein loderndes Feuer brennt, über dem ein Kessel glüht und verbotene Zutaten vereint, gleichen Observatorien, die mit Blick in den Himmel die Zukunft formulieren und mit Blick auf die Erde Illusionen entlarven, Tabus brechen, Krisen und Konflikte visualisieren und versprachlichen als Antwort auf den Verfall alter Ordnungen und auf die Unübersichtlichkeit der Welt. (…)
Dabei hat sich der Druck auf die Theatermacher verlagert – weg von Zensur und Tabus hin zu wirtschaftlichen Zwängen und einer konsumeristischen Beliebigkeit. Die innere Notwendigkeit, Theater zu machen, ist einer Verzweiflung gewichen, mit der vielerorts um den gesellschaftlichen (Stellen-)Wert des Theaters gerungen wird. Dazu kommt der Kampf um ein Publikum, dem heute sämtliche Vergnügungen und Zerstreuungsmöglichkeiten offen stehen, für das das Theater nicht mehr einzige Quelle kultureller Auseinandersetzung bzw. schlicht und einfach Unterhaltung darstellt. (…)
Um das Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum, den direkten Dialog mit dem Publikum ist es den meisten Regisseuren darum an erster Stelle zu tun – um so mehr, als dieses heimliche Einverständnis aus den Zeiten der Zensur und Unterdrückung verflogen ist. Einerseits ist es glücklicher Weise nicht mehr nötig, andererseits drohen die Theatermacher dadurch ihren Draht zum Publikum zu verlieren, zu „Rebellen ohne Mission“ zu werden, wie es Audronis Liuga über Litauen so treffend formuliert.
Die hier beschriebenen Inszenierungen geraten darum vielfach zu Chiffren gesellschaftlicher Symptome – auf inhaltlicher wie formaler Ebene. Becketts Warten auf Godot wird in vielen dieser Länder quasi zu einem Exempel: die Absurdität eines Aktionismus in Wartestellung, in dem sämtliche Energien der künstlerischen Kreativität nur darauf harren, dass kulturpolitische, institutionelle und gesellschaftliche Strukturen ihnen freien Lauf lassen. Ein Warten, das auch in anderen Stücken und Produktionen thematisiert wird.
Bei dieser von Martina Vannayová und Anna Häusler herausgegeben Publikation handelt es sich um eine Kooperation der Stipendiaten des Programms Kulturmanager aus Mittel- und Osteuropa mit dem Verlag Theater der Zeit. Die Publikation wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert.
Bezug über MitOst e.V. und über den Verlag Theater der Zeit möglich.
Kooperationspartner
Herausgeberinnen
Anna Häusler
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Buchcover Landvermessungen (PDF)
